ANTON KOLIG, Sitzender Jüngling ("Am Morgen") | 1919 © Leopold Museum, Wien | Leopold Museum, Vienna © Bildrecht, Wien, 2016

VOM EXPRESSIONISMUS ZUR NEUEN SACHLICHKEIT

„Ich bin durch Klimt gegangen bis März. Heute glaube ich bin ich der ganz andere.“ Diese Feststellung des zwanzigjährigen Egon Schiele ließe sich wohl auch auf andere Künstler aus seiner Generation anwenden. Schieles erste Personale in der Galerie Miethke im Frühling 1911 markierte ebenso wie der aufsehenerregende Auftritt Oskar Kokoschkas bei der Kunstschau 1908 das Aufkommen neuer Ausdrucksmodi in der Wiener Malerei. Dabei handelte es sich nicht zwingend um umstürzlerische Schritte; vielmehr wurde die Klimtsche Ästhetik ab 1910 weitergedacht und in eine gefühlsbetontere, zur Ekstatik und Verzerrung neigende Bildsprache übersetzt. 

Das Jahr 1918 brachte nicht nur den Zusammenbruch des Habsburgerreichs mit sich, auch verlor Wien durch den Tod der Gallionsfiguren Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser und Otto Wagner die Strahlkraft einer Kunstmetropole. Der mehrfach im Krieg verwundete Kokoschka hielt sich in dieser Zeit in Dresden auf und kam bis in die 1930er-Jahre eher sporadisch in die Stadt seiner frühen Erfolge. Das Kunstgeschehen fand vermehrt in den Bundesländern der jungen Republik statt, aber auch in Südtirol, wo Albin Egger-Lienz seine monumentalen Spätwerke schuf.

Die oft prekäre Wirtschafslage und politische Umwälzungen der Zwischenkriegszeit spiegelten sich punktuell auch im künstlerischen Schaffen wider. Als Gegenentwürfe zu einer engagierten Kunst fungierten eskapistische Positionen, die Stilfragen in den Vordergrund stellten; Rezidive des tschechischen Kubismus, das verstärkte Interesse an Cézanne und kompositorische Anleihen aus dem Barock sind vor allem in den frühen 1920er-Jahren zu beobachten. Anton Kolig, Wahlkärntner und Hauptvertreter des Nötscher Kreises, widmete sich an der Schnittstelle zwischen Homoerotik und mythischer Verklärung dem Sujet Männerakt. Der Wiener Otto Rudolf Schatz und der Vorarlberger Rudolf Wacker gingen einen anderen Weg, indem sie in peniblen, altmeisterlich anmutenden Pinselstrichen die Abgründe des verunsicherten Individuums erkundeten. Hauptwerke von Anton Faistauer, Herbert Boeckl und Josef Dobrowsky in der Sammlung Leopold runden das Bild des facettenreichen Kunstschaffens in der Zwischenkriegszeit ab. 

 

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