GUSTAV KLIMT, Ver Sacrum. Theseus und Minotaurus. Plakat zur I. Kunstausstellung der Wiener Secession (Zustand vor der Zensur), 1898 © Leopold Museum, Wien
Leopold Museum Blog
UNVERHÜLLT!
Aktdarstellungen in der Kunstgeschichte
und der Sammlung Leopold
Erinnern Sie sich noch an "L’Origine du Monde", das berühmteste Werk unserer Frühjahrsausstellung 2026 "GUSTAVE COURBET. Realist und Rebell"? Aufgrund seiner radikal ehrlichen Abbildung eines weiblichen Geschlechts ist dieses Werk des 19. Jahrhunderts bis heute für viele eine Provokation. Dabei ist Nacktheit in der Kunst schon immer allgegenwärtig gewesen.
Bereits Idole – kleine Figuren aus der Frühzeit des Menschen – waren meist nackt dargestellt. Man denke an die weltbekannte Steinzeit-Statuette Venus von Willendorf, deren Nacktheit in Kombination mit den üppigen Körperrundungen Fruchtbarkeit symbolisiert. Später, in der ägyptischen Kunst, wurde Nacktsein mit äußerst konträrer Bedeutung eingesetzt: Neben Gottheiten wurden nämlich ausgerechnet auch Arbeitende sowie Sklav*innen nackt dargestellt, um auf ihren niedrigen gesellschaftlichen Rang zu verweisen.
Auch im antiken Griechenland hätten sich „ehrenwerte“ Bürger*innen wohl eher nicht unbekleidet porträtieren lassen. Nackt, halbnackt oder lediglich mit durchsichtigen Stoffen bekleidet wurden hingegen Gottheiten wie Aphrodite und Eros beziehungsweise stramme Heroen und Athleten dargestellt. Letzteres zeigt sich auch in Theseus und Minotaurus, Gustav Klimts (1862–1918) Plakat zur ersten Secessionsausstellung: Sowohl Theseus als auch sein Rivale werden im Kampfgeschehen unbekleidet gezeigt. In Eduard Veiths (1856–1925) Perseus und Andromeda – ebenfalls Darstellung eines antiken Mythos – ist es hingegen die Frau, die als Objekt der männlichen Begierde nackt wiedergegeben ist.
Nacktheit wurde also zum ästhetischen Prinzip in der Kunst – akzeptiert und sogar gewünscht, solange sie durch ein mythologisches Sujet, einen allegorischen Gedanken oder sonstigen Symbolgehalt „gerechtfertigt“ war. Brachen Künstler*innen mit diesem Prinzip oder mit jenem des akademischen Idealkörpers, so konnte dies rasch für einen großen Skandal sorgen.
Widmen wir uns weiteren Beispielen aus der Sammlung Leopold. Mythologisch motivierte Nacktheit finden wir beispielsweise bei Alexander Rothaug (1870–1946). Das Gemälde Am Nordstrand präsentiert uns eine nackte Frau in Rückenansicht, bei der es sich womöglich um Hans Christian Andersens (1805–1875) kleine Meerjungfrau aus der gleichnamigen Erzählung handelt. Das Zusammenspiel von Märchenhaftigkeit, Nacktheit und introspektiver Abgewandtheit der Figur verleiht dem Bild einen rätselhaft-reizvollen Charakter.
Egon Schieles (1890–1918) Kunst dreht sich stark um das eigene Abbild. Selbstportraits haben in der Kunst zwar eine lange Tradition, sich selbst aber nackt darzustellen – das war 1910 noch ein Skandal. In Sitzender Männerakt ging es Schiele wohl darum, seine Psyche malerisch nach außen zu kehren. Der nackte Körper – fragmentiert, abgemagert und kränklich – wird zur Spiegelfläche eines zerrissenen Selbst.
Für Schiele scheint auch der spannungsgeladene Wechsel zwischen Bekleidet- und Nacktsein, zwischen textiler Oberfläche und Inkarnat, von Interesse gewesen zu sein. Dies erkennt man beispielsweise anhand eines Fragments von Bekehrung II von 1913, welches eine Rückenfigur mit um den Oberkörper drapiertem Umhang, gleichzeitig jedoch entblößtem Gesäß zeigt.
Gänzlich verschiedenartig innerhalb seines eigenen Œuvres geht Koloman Moser (1868–1918) mit dem Thema Nacktheit um – je nachdem, welches Geschlecht er darstellt. Verführerisch wirkt so manch männlicher Akt, wie zum Beispiel jener mit leicht hinuntergezogener Hose und den elegant-schlanken Bauchmuskeln aus den späten 1880er-Jahren. Mosers Skizze zur Allegorie der Malerei – ein weiblicher Akt – entbehrt trotz ähnlicher Kleidungssituation jenes aufreizenden Charakters. Die Nacktheit ist hier nicht erotisch konnotiert, vielmehr steht sie im Dienste des Pathetisch-Erhabenen.
Schließlich sei auch der weibliche Blick auf Nacktheit beleuchtet: Helene Funke (1869–1957) schuf um 1908/10 eine Reihe grafischer Akte. In ihrem Liegenden weiblichen Akt zeigt die Künstlerin eine Frau, die in ihrer eigenen Welt versunken zu sein scheint, gleichzeitig aber den Voyeurismus der Betrachtenden mit ihrem uns fixierenden Blick herausfordert. Sie ist kein Idealbild, kein Musterstück körperlicher Perfektion, sondern eine aus dem Leben gegriffene Frauendarstellung mit breiten Hüften, Rundungen am Bauch und kräftigen Oberschenkeln.
Man sieht: Mit und über Nacktheit wurde stets unterschiedlichst verhandelt in der Kunst. Aktdarstellungen geben uns Aufschlüsse über Symbolisches und Gesellschaftliches, Schönheitsideale und Rollenbilder. Sympathische Ansichten diesbezüglich hatte übrigens Heinrich Heine (1797–1856): „Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern.“
Beitrag von Sophie Touzé
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HELENE FUNKE, Liegender weiblicher Akt, 1908/10 © Leopold Museum, Wien
