Wiener Geschichten - Leopold Museum Blog

Adolf Loos

und seine Gedanken zu Tischkultur

Kaum ein anderer Künstler der Zeit in Wien um 1900 erregte so viel Aufsehen und Ärgernis wie der 1870 in Brünn geborene Architekt, Essayist, Kulturpublizist, Lebensreformer und Lehrer Adolf Loos.

Zum ersten Mal rief Loos 1899 mit der Ausstattung des Café Museum große Empörung hervor. Durch das schmucklose, aber sehr zweckmäßige Interieur erhielt das Café sogar den Beinamen „Café Nihilismus“. Zehn Jahre später, im Jahr 1909, beauftragte die exklusive Schneiderfirma Goldman & Salatsch Loos mit den Planungen eines Geschäftsgebäudes am Michaelerplatz in Wien gegenüber der kaiserlichen Residenz. Die Wiener Bevölkerung, die Architektenschaft und auch Kaiser Franz Joseph beklagten die schmucklose, leere Fassade des Wohn- und Geschäftshauses, weshalb vorrübergehend ein Baustopp ausgesprochen wurde. Unter der Auflage, wenigstens bronzene Blumenkästen zur Verzierung anzubringen, konnte der Bau fertig gestellt werden.Aufsehen erregte das Haus vor allem wegen seines sehr prominenten Bauplatzes im Herzen Wiens, inmitten von klassizistischen und neobarocken Bauten und gegenüber der kaiserlichen Residenz, was als Respektlosigkeit angesehen wurde. Die völlig nüchterne und glatte Putzfläche sowie die schmucklosen Fenster ohne die obligatorischen „Regendacherln“ brachten dem Haus schnell den Beinahmen "Haus ohne Augenbrauen" ein. Loos hatte mit diesem Gebäude jedoch sein ästhetisches und ethisches Ideal realisiert, eine Abkehr von jeglicher Falschheit im Umgang mit Oberflächen und Materialien. Auch war er der Meinung, dass ein Wohnhaus nach außen hin nichts über seine Bewohner transportieren, sondern eher „schweigen“ solle. In Vorträgen und Veröffentlichungen, unter anderem in seiner berühmten Schrift Ornament und Verbrechen von 1908, hatte Loos seinen Standpunkt deutlich dargelegt.

Adolf Loos‘ Forderung nach Ornamentlosigkeit beschränkte sich nicht auf Architektur und Inneneinrichtung, sondern erstreckte sich auch auf Gebrauchsgegenstände und Tischutensilien. Bereits im Jahr 1903 schrieb Loos in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Das Andere – Ein Blatt zur Einführung abendländischer Kultur in Österreich“, ein Loblied auf den Salzstreuer. Ausgangspunkt dafür war seine Überzeugung, dass ein Salzstreuer viel hygienischer als das damals übliche Salzfass wäre. Der Architekt bewunderte die Einzigartigkeit dieses kleinen, unscheinbaren Objektes: Der Salzstreuer sei selten aus besonderem Material gefertigt und trotzdem im täglichen Leben unentbehrlich.

Wenige Jahre später legte er in Herwarth Waldens Der Sturm - Wochenschrift für Kultur und die Künste Grundlegendes zu seiner ästhetischen Einstellung zur Tischkultur vor. Als Kommentator der Kunstentwicklung seiner Zeit kritisierte er 1911 in „Vom Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Schlafen, Essen, Trinken“ den Drang der Sezessionisten, Altes und Gutes zwanghaft neu erfinden zu wollen. Loos war der Meinung, dass ein Trinkglas zum Trinken da wäre, egal ob Bier, Schnaps, Wasser oder Wein. Damit das Getränk gut schmecke, empfahl er schlichte, klare Gläser. Seiner Ansicht nach würden weder die Mandarinenform von Likörgläsern noch das farbige Dekor von Wassergläsern den Geschmack des Getränks verbessern, das Gegenteil wäre der Fall. Viel eher entstünde der Eindruck, “als schwämmen grüne Blutegel drin herum“. Entsprechend entwarf Loos das sehr zurückhaltend gestaltete Trinkservice No. 248, das noch immer von der Firma Lobmeyr vertrieben wird.

Auch das Essgeschirr sollte nach Ansicht von Loos schmucklos und weiss gehalten sein. Eine Suppe von einem Teller mit blauem Zwiebelmuster zu essen, wo diese eine „unappetitliche, grüngraue Farbe“ annehme, könne nicht gut schmecken. Ein ähnliches Problem verortete er in Bezug auf die ornamentüberfrachteten Produkte der Porzellanmanufaktur Kopenhagen, deren Vasen für Loos ohne Blumen viel besser aussehen würden und ihr Dekor auch nur so zur Geltung käme. Seine Ablehnung gegenüber nutzlosen Gegenständen, die nur als Schmuck und Dekoration dienen, zeigt sich vor allem in seiner Einstellung zu Porzellantieren. Diese waren um 1900 groß in Mode und in jeder Auslage präsent: „Mir gefallen sie ungemein – in den Auslagen. Denn – wie merkwürdig – ich wäre in Verlegenheit, wenn mir eins davon geschenkt würde. Ich würde es in meiner Wohnung nicht zur Schau stellen […] Den  ganzen Tag [müsste] ich mich von dem Vieh anglotzen lassen“.

„Mir gefallen sie ungemein – in den Auslagen. Denn – wie merkwürdig – ich wäre in Verlegenheit, wenn mir eins davon geschenkt würde. Ich würde es in meiner Wohnung nicht zur Schau stellen […] Den ganzen Tag [müsste] ich mich von dem Vieh anglotzen lassen“.

Adolf Loos

Adolf Loos, der mit seinem Anspruch an Funktionalität, Materialgerechtigkeit und Schlichtheit im Architekturdiskurs seiner Zeit eine Sonderposition einnahm, gilt zurecht als einer der Wegbereiter der Moderne. Seine Konzepte waren prägend für den Lauf der Architektur des 20. Jahrhunderts. Aber auch heute, in einer Zeit  der kritischen Reflexion von Überfluss, Materialverschwendung und hemmungslosem Verbrauch, wirken seine Ideen und Gedanken moderner denn je.

 

Beitrag von Emmi Franke.