Wiener Geschichten - Leopold Museum Blog

STARKE FRAUEN

IN DER BIBEL

"Kraft und Würde

sind ihr Gewand..."

„Kraft und würde sind ihr Gewand / sie spottet der drohenden Zukunft (Spr 31,25), lautet es im biblischen Lob der tüchtigen Frau. Ein Spruch, der das weibliche Geschlecht klar mit Stärke und zuversichtlichem Handeln assoziiert. Zudem heißt es in der Genesis: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild […]. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1,27) Folglich ist dem ersten Kapitel der Bibel die grundlegende Gleichwertigkeit von Mann und Frau eingeschrieben, wurden doch beide als Abbilder Gottes geschaffen.

Gut zu wissen, wenn wir uns nun den Frauen der Bibel widmen. Womöglich erfreuen sich biblische Heldinnen in der bildenden Kunst gerade deshalb besonderer Beliebtheit, weil sie im großen Buch des Christentums viel rarer auftauchen als die männlichen Heroen. Auch in der Sammlung Leopold kann man einige von ihnen kennenlernen…

Koloman Moser (1868–1918) malte 1916 ein Gemälde zum Thema Judit und Holofernes. In der Bibel ohne h geschrieben, ist sie jene Heldin, die der Überlieferung nach ihr Volk vor dem grausamen Heerführer Holofernes bewahrte, indem sie ihm unerkannt nächtens den Kopf abschlug. Sie verkündete: „Ich will eine Tat vollbringen, von der man noch in fernsten Zeiten den Kindern unseres Volkes erzählen wird.“ (Jdt 8,32)

Dargestellt ist Judit als unbekleidete Rückenfigur im dynamischen Kontrapost. In ihrer linken Hand führt sie die Mordwaffe – das Schwert des Holofernes. Der Raum wird perspektivisch reduziert wiedergegeben; Judit hebt den Vorhang und gewährt dadurch einen Einblick in das Zelt des betrunkenen Heerführers.

Als gewaltverheißende Farbe des Blutes, aber auch als Farbe der Stärke, dominiert kräftiges Rot das Gemälde. Gerade aufgrund ihrer Anonymisierung kann Koloman Mosers Judit eine Identifikationsfläche für alle sein, die sich zum Schutz ihrer Liebsten einsetzen.

Eine in der Ikonografie leicht mit Judit zu verwechselnde Figur ist Salome, deren Namensgebung erst in der späteren Bibel-Exegese erfolgte. Doch im Gegensatz zu Judit macht sich Salome nicht selbst die Finger schmutzig, vielmehr setzt Salomes Mutter Herodias die berückende Tanzkunst ihrer Tochter als diplomatisches Verführungsmittel ein: Salomes Stiefvater, König Herodes Antipas, ist davon so sehr fasziniert, dass er bereit ist, Herodias’ großes Begehren zu erfüllen: Er liefert ihr den Kopf Johannes des Täufers, der ihre Heirat mit Antipas, ihrem Schwager, beanstandet hat.

Max Oppenheimers (1885–1954) Radierung zeigt Salome gelassen auf den abgetrennten Kopf blickend, während sie ihn mit beiden Händen umfasst. Fast meditativ mutet diese Figur an, deren Emotionen wir nicht zu erahnen vermögen. Wie geht es Salome beim Anblick des Toten, für dessen Ableben sie mitverantwortlich zeichnet?

Anton Faistauer | Hl. Margareta (für Pfarrkirche Morzg) | 1923Anton Faistauer | Hl. Margareta (für Pfarrkirche Morzg) | 1923 © Leopold Museum, Wien, Inv. 620

Als nächstes betrachten wir mit Anton Faistauers (1887–1930) Hl. Margareta den Entwurf für ein Kirchensecco. Eigentlich ein Exkurs zur Thematik, findet jene Frau in der Bibel doch gar keine Erwähnung, sondern erst in den Heiligenviten des Mittelalters. Nichtsdestotrotz reiht sich Margareta wunderbar in den illustren Kreis unserer Heldinnen ein: Weil sie eine arrangierte Ehe verweigert, wird sie von ihrem Vater in einen Turm gesperrt und besiegt mit ihrem unerschütterlichen Glauben den dort hausenden Drachen. Margaretas Geschichte kann zur Ermutigung dienen, sich nicht alles gefallen zu lassen, sondern den Widrigkeiten des Lebens mit Entschlossenheit und Zuversicht entgegenzutreten.

Zum Schluss blicken wir auf jene Frau, mit der im Alten Testament alles begann: Eva. Die Keramikversion Eva mit Schlange entwarf um 1920 die Kunsthandwerkerin Ella Max (1897–?), eine von der Wiener Werkstätte ausgeführte Plastik, die herrlich modern wirkt: Selbstbewusst in ihrer Nacktheit präsentiert sich Eva umringt von allerlei Geäst. Das Inkarnat, in Beige- und Rosétönen schimmernd, betont gemeinsam mit den voluminösen Körperrundungen ihre Weiblichkeit. Am rechten Oberschenkel windet sich elegant die Schlange empor. Als Betrachtende mag uns das Gefühl beschleichen, der Ausgang der altbekannten Erzählung müsse im Falle dieses Kunstwerks offenbleiben. Wir haben hier mit Eva keine Sünderin vor Augen, sondern eine selbstbestimmte Frau auf der Suche nach Erkenntnis.

Es zeigt sich, dass wir auch in der Kunst der Moderne zahllose Motive aus der Bibel finden. Ihre Heldinnen, deren Geschichten mit Spannung und Aussagekraft bestechen, eignen sich hervorragend für bildliche Erzählungen mit zeitgemäßem Twist. So können uns Judit und Co. auch fernab von Glaubensfragen noch heute als „Role Models“ dienen. Zumindest, was ihre Überzeugungen betrifft. Denn bei so mancher Tat – man denke an Judit – gilt natürlich nach wie vor: Bitte nicht zu Hause nachmachen!

 

Beitrag von Sophie Touzé