Egon Schiele, Kardinal und Nonne ("Liebkosung"), 1912 © Leopold Museum, Wien, Inv. 455

Egon Schiele, Kardinal und Nonne

Schieles Bild „Kardinal und Nonne“ von 1912 ist eine Paraphrase auf den fünf Jahre zuvor entstandenen „Kuss“ von Gustav Klimt. Alles, was bei Klimt jedoch positiv ist, wird hier in seine Nachtseite verwandelt: der goldene Hintergrund wird schwarz, die zärtliche Umarmung eine gewaltsame Verklammerung der beiden feinen, betenden Händen, der sinnliche Ausdruck im Gesicht der Frau bei Klimt zum verstörten Blick einer Nonne. Schiele nannte das Bild dieser eigenartigen Umarmung „Liebkosung“.

Der Kontrast zwischen den muskulösen, bloßen Beinen und der Kirchentracht, zwischen strengem Schwarz und leuchtenden Rot, offenbart die Macht des sexuellen Begehrens, die jedoch im katholischen Kontext des Bildes befremdend wirkt. In der Haltung und im Gesichtsausdruck der Frau spiegelt sich Furcht – ob vor der Entdeckung, vor dem Kardinal, oder vor der Sexualität im Allgemeinen bleibt unbeantwortet. Vergleicht man das Aussehen der Nonne mit Selbstporträts Schieles aus derselben Zeit, erkennt man eine erstaunliche Ähnlichkeit der Gesichtszüge. Hat der Künstler der erschrockenen Klosterfrau seine eigenen Züge geliehen, da auch er die Sexualität als unheilvollen Dämon empfindet? Mit der Heirat Schieles im Jahr 1915 ändern sich seine Frauenbilder, sie werden ruhiger, die Sexualität verliert ihren Schrecken, aber auch ihre verstörende Kraft.

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