Wiener Geschichten - Leopold Museum Blog

RAUER DUKTUS,

BRÜCHIGE STRUKTUREN

Metaphern des Abschieds

Düster, rau und zersplittert, wie Fragmente einer zerfallenden Welt – der Farbauftrag erzeugt in den späten Ölgemälden Egon Schieles den Eindruck leidensgeprüfter, sich auflösender Leiber. Der Pinselduktus ist kraftvoll und öffnet einen brutal ehrlichen Blick auf die tiefsten Schichten menschlicher Existenz, der zwischen analytischer Wahrheitssuche und symbolistischer Exaltation oszilliert.

Kaum eine andere Künstlerpersönlichkeit seiner Tage nimmt so oft und so explizit sich selbst in den Fokus wie Schiele: Seinen Körper, oft entblößt, unterzieht er leidvollen Torsionen und Verrenkungen, Hilferufe und seltsame Exaltation lösen sich ab. Schonungslos werden die Betrachter*innen mit der physischen Dimension der psychischen Selbstreflexion konfrontiert. Als würde Egon Schiele den introspektiven Blick auf die eigene Existenz sezierend genau ins Expressive übersteigern. Als würde er die Erkenntnisse des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, in Malerei übertragen: Angst, Schmerz und Todesahnung spiegeln sich in düster-pastosen Farbaufträgen, expressivem Malduktus und seherischen Kompositionen wider.

Als 14-Jähriger hat Egon Schiele in der Familie den Status eines Wunderkindes. Sein zeichnerisches Talent gilt vor allem bei seiner Tante Marie und seinem Onkel Leopold Czihaczek als herausragend. Die regelmäßigen Besuche bei den Verwandten in der eleganten Wohnung in der Leopoldstädter Zirkusgasse bestärken den sich etwas altklug über künstlerische Belange äußernden jungen Schiele darin, als Maler reüssieren zu wollen. Und tatsächlich wird es die finanzielle Unterstützung seines angeheirateten Onkels sein, die ihm ermöglicht, mit 16 Jahren als jüngster Student seines Jahrganges die Akademie zu besuchen. Ein Jahr zuvor hat der frühe Tod des Vaters die Familie in eine wirtschaftliche Krise gestürzt: Ein seiner Syphiliserkrankung geschuldeter paranoider Schub hat Adolf Schiele dazu getrieben, die als Sicherheit für die Familie erworbenen Aktien nachts im Ofenfeuer zu verheizen. Der 15 Jahre alte Egon sieht seine Chance auf eine Künstlerlaufbahn gefährdet. Drei Jahre nach dem Studienbeginn überwirft er sich mit seinem Akademielehrer. Zu konservativ, rückwärtsgewandt und eklektizistisch ist dem jungen Schiele der Zugang seines Lehrers, er beendet das Studium frühzeitig.

Die mit unnachahmlich sicherem Strich hingeworfenen Zeichnungen skandalös expliziter Aktdarstellungen brechen indes sämtliche Tabus: Er zeigt ausgezehrte Mädchenleiber, entblößte schwangere Frauenkörper, homoerotische Liebe, Masturbation, Schmerz, Lust, Geburt und Tod. Mit grün-violetten, zinnoberroten und bläulichen Kolorierungen erweist sich Schiele als Avantgardist par excellence. 

Wie ein roter Faden zieht sich das ewige Geschehen von Werden und Vergehen durch sein Œuvre. Die Gleichzeitigkeit von Tod und Leben wird in allen Phasen evident. In seinen letzten Schaffensjahren provoziert der junge Künstler hingegen durch seine Malweise: Zunehmend pastoser und körperhafter trägt Schiele die Ölfarbe auf die grobe Leinwand auf, zuweilen ohne sie grundiert zu haben. Details werden gewandelt und übermalt. Kompositorische Änderungen bleiben sichtbar. Immer öfter lässt Schiele Details unvollendet, nur skizzenhaft stehen. Die Wirkung ist unmittelbar und brutal. Der selbstbewusste, ehrgeizige und zielstrebige junge Künstler, der bereits mit 28 Jahren sterben wird, ist zu einem gnadenlosen Chronisten einer untergehenden Welt geworden.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entlädt sich die schwelende Atmosphäre beklemmenden Stillstands auf infernale Weise. Das alte Reich zerfällt unaufhaltsam. Die Kriegshysterie vieler Zeitgenoss*innen wird von den verhallenden Mahnrufen einiger weniger konterkariert. Exaltiertheit und Verzweiflung prallen schonungslos aufeinander. Die Weltordnung der Donaumonarchie wird innerhalb weniger Jahre versinken. Was zurückbleibt, sind Ernüchterung, Armut und Leid.

Beitrag von Markus Hübl