EGON SCHIELE, Russischer Kriegsgefangener („Ivan Ivtinovitch Tarasinko“), DETAIL, 1916 © Leopold Museum, Wien
Wiener Geschichten - Leopold Museum Blog
HUMANITÄT ODER HASS
Spuren des Krieges
Martialisch, energiegeladen und siegesgewiss – so stürmt mit ausladendem Schritt eine Phalanx von Soldaten, ihre Waffen kraftvoll vor sich hertragend, auf uns zu. Wie bei den fesselnden metaphorischen Bildern in Masse und Macht, dem Schlüsselwerk des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti, in denen von einem „marschierenden Wald“ von Soldaten die Rede ist, verschmelzen auch hier die Figuren zu einer bedrohlichen Einheit. Die Figuren scheinen ihrer Individualität beraubt, das grausame Antlitz des Todes wird zu einer konturlos glatten Maske. In ihren Bewegungen gleichgeschaltet, verkörpern sie gleichsam die Mechanismen des ersten industrialisierten Massenvernichtungskrieges der Menschheitsgeschichte. Im Unterschied zu seinem späteren Œuvre, in dem der Grafiker und Maler Albin Egger-Lienz seine eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und dessen beklemmenden Folgen in monumental-expressive Formen übersetzt hat, vermittelt seine beinahe monochrome Lithografie Vorwärtsstürmende Soldaten aus dem Jahre 1915 ein kriegsbejahendes Pathos. Diese Ambivalenz wird kurze Zeit später evident, wenn Egger-Lienz im Gemälde Krieg das Sujet wandelt, indem er gefallene Soldaten in die Komposition einfügt.
Auch der im deutschen Rostock wirkende Bildhauer Ernst Barlach ist von Kriegsbegeisterung erfasst, als er seinen Säbel schwingenden Rächer aus scharfkantigen Formen mit den Gestaltungsprinzipien des Kubismus und Futurismus kraftvoll vorwärtsschreiten und alles niederschlagen lässt, was sich ihm in den Weg zu stellen droht. Wie viele andere hat sich auch Barlach eine tiefgreifende Veränderung, einen Wandel der erstickenden gesellschaftlichen Verhältnisse und eine Hinwendung zu geistigen Fragen erhofft. Trotzdem bleibt er ein genau beobachtender, ein tief über die grausamen Auswirkungen der Geschehnisse an der Front reflektierender Künstler. Der lange Mantel baut sich aus Dreiecksformen auf, deren Kanten wie Strahlen zum Kopf hinführen und der Figur eine dynamische Vorwärtsbewegung verleihen. Im Gegensatz zur aggressiven Energie des Körpers zeigt der Ausdruck des Gesichts ein nachdenkliches Zögern.
ALBIN EGGER-LIENZ, Vorwärtsstürmende Soldaten, 1915 © Leopold Museum, Wien
Freundschaftlich mit Barlach verbunden und ihn immer wieder um gestalterischen Rat fragend, wagt sich die in Moritzburg wirkende Zeichnerin und Grafikerin Käthe Kollwitz in skulpturale Lösungen vor. Aus ihrer pazifistischen Haltung macht sie dabei keinen Hehl. Die persönliche Erfahrung als Mutter, die den jüngeren ihrer beiden Söhne 1914 als Opfer einer frühen Schlacht des Ersten Weltkrieges verloren hat, hallt im Werk der Künstlerin nach. Ab 1922 befasst sie sich in ihrem grafischen Zyklus Krieg visionär mit den nahenden Gefahren eines neuerlichen politischen Zusammenbruchs. In der geschlossenen Form der Rundplastik Turm der Mütter von 1937/38 bilden Frauenfiguren mit ihren Leibern einen schützenden Kordon um ihre Kinder, sowohl um äußere Gefahren abzuwehren als auch um innere Bedrohungen zu verhindern: Käthe Kollwitz’ Sohn Hans hatte sich freiwillig zum Dienst an der Front gemeldet. Bezeichnenderweise wurde die 1938 nach Entwürfen von Kollwitz gegossene Bronzeskulptur von den Nationalsozialist*innen aus der Berliner Schau im Atelierhaus mit der Erklärung entfernt, im Dritten Reich hätten es die Mütter nicht nötig, ihre Kinder zu beschützen, weil dies der Staat für sie erledige.
EGON SCHIELE, Russischer Kriegsgefangener („Ivan Ivtinovitch Tarasinko“), DETAIL, 1916 © Leopold Museum, Wien
Hoffnungslos, desillusioniert und verzweifelt wirkt der Blick Ivan Ivtinovitch Tarasinkos. Der russische Kriegsgefangene wird jeden Morgen gemeinsam mit seinesgleichen von einem melancholischen jungen Mann zum Arbeitsdienst geleitet: dem Maler Egon Schiele. Eine Vielzahl solcher Porträts von russischen und italienischen Soldaten wird in der Kaserne entstehen. Und stets zeigt Schiele junge unglückliche Menschen, die genauso wie er mit leerem Blick in eine aus den Fugen geratene, von Grausamkeit und Brutalität gezeichnete Welt blicken. Auf der Rückseite des Blattes findet sich der Vermerk: „Gefallener, 1914“. Das aquarellierte Blatt weist Egon Schiele einmal mehr als psychologisch feinsinnigen Chronisten aus: Nicht den Feind stellt er dar, sondern einen Leidensgenossen, der genau wie er selbst erlebt hat, wie der fragile Boden der Humanität unter seinen Füßen in Stücke zersplittert ist.
Beitrag von Markus Hübl
