Eine Ausstellung des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Leopold Museum Wien und der Kunstbibliothek - Staatliche Museen zu Berlin
Das Leopold Museum zeigt im Sommer 2010 - in Kooperation mit dem Institut Mathildenhöhe Darmstadt - die bisher umfassendeste Ausstellung zum Werk des Künstlers und Architekten Joseph Maria Olbrich (1867-1908). Die große Retrospektive des Universalkünstlers Olbrich präsentiert mit rund 300 Exponaten das Schaffen des Künstlers und setzt es in den ästhetischen Kontext der Wiener Moderne. Zu den Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland, Österreich und den USA gehören Möbel, Textilien, Zeichnungen und Aquarelle.
MODERNE FORMEN UND LEBENSWELTEN Olbrich ist eine der herausragenden Persönlichkeiten in Architektur und Kunstgewerbe der Jahre um 1900 und eng verbunden mit der Entwicklung moderner Formen- und Lebenswelten. Das Spektrum seines überaus komplexen Werkes reicht von der Baukunst über Innendekoration, Gartenplanung und angewandte Kunst bis zur industriellen Formgestaltung. Neueste Forschungsergebnisse des Olbrich-Symposiums 2008 in Darmstadt sind die Basis der Schau, die in Darmstadt und Wien gezeigt wird, den beiden Hauptwirkungsstätten Olbrichs. Neben Ausstellungsstücken aus den „Olbrichstädten“ werden Exponate aus zahlreichen weiteren Sammlungen in Deutschland und Österreich zu sehen sein.
Das für das Kunstschaffen um 1900 geradezu exemplarische Werk Olbrichs kann, trotz der kurzen Zeitspanne, in der es entstand, bislang kaum überschaut werden. Vor 26 Jahren fand die letzte große Olbrich-Ausstellung statt, deren Katalog seit langem vergriffen ist. Eine umfassende Darstellung des Künstlers fehlt bis heute. Als Begleitband zur Ausstellung wird eine Monografie erstellt, die neben der umfassenden Präsentation von Olbrichs Werk anhand von vielfältigem und zum Teil bislang unveröffentlichtem Quellen- und Bildmaterial die aktuelle Forschungsergebnisse beinhaltet und als neues Standardwerk einzuordnen ist. Olbrich gilt als zentrale Gestalt der Reformbestrebungen um 1900, er beeinflusste und prägte die Ideen der nachfolgenden Generationen. So bezogen die Baumeister der Moderne wie Erich Mendelsohn, Bruno Taut und Le Corbusier wichtige Anregungen aus den typischen Gestaltungselementen Olbrichs.
Da viele Werke Olbrichs durch Kriegseinwirkungen zerstört wurden und die Dokumente zum Schaffen des Architekten an den verschiedensten Orten verstreut sind, ist die Bedeutung des früh verstorbenen Künstler-Architekten im öffentlichen Bewusstsein nicht annähernd so verankert wie etwa die seiner Zeitgenossen Henry van de Velde, Josef Hoffmann oder Peter Behrens. Olbrich ist immer noch der „große Unbekannte“, dessen Bedeutung oft unterschätzt wird.
Olbrich war ein universal schaffender, dem Ideal der Verschmelzung von Kunst und Leben verpflichteter Architekt. In Hinblick auf die Entwicklung der Architektur im 20. Jahrhundert wird das schöpferische Potential Olbrichs anhand seiner Beiträge zu Bauaufgaben wie etwa der „Gartenstadt“ oder dem „Kleinwohnungsbau“ dargelegt. Ein wichtiger Aspekt ist die „Lebensreform“, ein Gedanke, der die Epoche um 1900 prägte und den Olbrich durch eine alles umfassende und harmonisierende Gestaltung umzusetzen suchte. Die Kooperation mit dem Leopold Museum in Wien, das die weltweit größte Sammlung zur österreichischen Kunst um 1900 besitzt, macht es außerdem möglich, die künstlerische Verankerung Olbrichs in der Wiener Moderne anhand bedeutender Exponate von Otto Wagner, Koloman Moser oder Gustav Klimt eindrucksvoll vor Augen zu führen.
An Olbrichs Werk kann exemplarisch die Bedeutung von Architektur und Kunst als Elemente moderner Lebensgestaltung in der Reformbewegung um 1900 dargestellt werden. Aufgezeigt wird die Aktualität Olbrichscher Ideen für den Städtebau und die Gestaltung von Wohn- und Lebensraum.
LEBEN UND WERK JOSEPH MARIA OLBRICHS Der aus dem schlesischen Troppau stammende österreichische Architekt Joseph Maria Olbrich (1867-1908) gehört zu den profiliertesten Vertretern der Reformkunst am Beginn der Moderne. Mit grandiosen Bauwerken prägte er das Stadtbild in Wien und Darmstadt. Er begründete seinen Ruhm mit Paradebeispielen für Secessionskunst und Jugendstil. Wie wenige seiner Generation verfügte Olbrich über eine fundierte akademische und baupraktische Ausbildung und hat, anders als Henry van de Velde oder Peter Behrens, nicht den Umweg über die Malerei genommen. Gleichwohl war er ein exzellenter Zeichner und Aquarellist.
WIEN – SECESSION Seinen Fähigkeiten auf diesem Gebiet verdankte er sogar die Anstellung im Baubüro des berühmtesten Wiener Jugendstilarchitekten Otto Wagner, ehe er 1898 mit dem Gebäude der Wiener Secession reüssierte. Das spektakuläre Erstlingswerk machte Olbrich schlagartig zu einem der prominentesten Vorkämpfer jener modernen Bewegung, die eine umfassende Erneuerung von Kunst und Kultur ins Auge gefasst hatte. Die Leitideen gipfelten in der Verschmelzung von Kunst und Leben durch eine bewusste Ästhetisierung des Alltags sowie in der forcierten Betonung der Individualität des Menschen durch künstlerische Mittel. Ausdruck dieser Zielvorstellungen waren die bis ins kleinste Detail einheitlich durchgestalteten Innenräume des Jugendstils. Olbrich, wie viele seiner Zeitgenossen von der Idee des „Gesa,tlimstwerls“ erfüllt, war bereits in seinen Wiener Jahren ein Meister privater Lebensinszenierungen, wie die von ihm eingerichteten Privatwohnungen zeigen.
DARMSTADT– MATHILDENHÖHE Im hessischen Darmstadt, wohin er 1899 übersiedelte, sah sich Olbrich vor neue künstlerische Aufgaben und Herausforderungen gestellt. Großherzog Ernst Ludwig hatte ihn in die hessische Residenzstadt berufen, weil er in dem Werk Olbrichs eine österreichische Fröhlichkeit und Leichtigkeit spürte, die seiner Ansicht nach dem deutschen Kunstwesen so sehr abging. In der vom Großherzog neu gegründeten Künstlerkolonie spielte Olbrich rasch die Rolle des „Primus inter pares“. Er entwickelte den Gesamtplan für die legendäre Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ 1901, entwarf die meisten Bauten der wachsenden Mustersiedlung und machte die Mathildenhöhe damit zu einer Hochburg des Jugendstils in Deutschland. Von privater Seite erhielt Olbrich zahlreiche Aufträge für Wohnhäuser und für Wohnungseinrichtungen nicht nur in Deutschland, sondern auch im benachbarten Ausland. Er projektierte nicht nur Großbauten wie Bahnhöfe, Hallenbäder, Hotels und Wassertürme, sondern befasste sich auch mit der Gartengestaltung, die für ihn einen integralen Bestandteil seiner Architektur darstellte.
DESING UND KUNSTHANDWERK Das breite Spektrum der Bauaufgaben findet eine Entsprechung in der Vielzahl und Vielfalt seiner Entwürfe für Gebrauchs- und Ziergegenstände. Ob kunsthandwerklicher Luxusartikel oder preiswertes Serienprodukt – Olbrichs Design spricht vom immensen kreativen Potential dieses hoch begabten Universalkünstlers.
DÜSSELDORF Ein weiteres Wirkungszentrum Olbrichs war das Rheinland. 1907 übersiedelte er mit einem Teil seines Baubüros nach Düsseldorf, wo ihn die Errichtung des Warenhauses Tietz sowie die Ausführung einiger Privatvillen in Köln in Anspruch nahmen. In seiner Abwesenheit wuchsen auf der Mathildenhöhe seine letzten Darmstädter Bauten, Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude, empor. Am 8. August 1908 starb Olbrich auf dem Höhepunkt seines Schaffens an Leukämie.
BAUWERKE
1897-1898
Ausstellungsgebäude Wiener Secession, Wien
1899 Haus
Stöhr, St. Pölten
Wohnhaus
für Max Friedmann, Hinterbrühl
1899
Clubhaus des Radfahrvereins der Staats- und Hofbeamten, Wien
1899-1900
Wohnhaus für Hermann Bahr, Wien
1900 Haus
Stifft, Wien
1900
Häusergruppe für den Bauunternehmer Wilhelm Ganss, Darmstadt
1900-1901
Wohnhaus für Hans Christiansen, Darmstadt (kriegszerstört)
1900-1901
Wohnhaus für Carl Keller, Darmstadt (kriegszerstört)
1900-1901
Wohnhaus für Julius Glückert, sog. Großes Glückert-Haus, Darmstadt
1900-1901
Wohnhaus für Rudolf Bosselt, sog. Kleines Glückert-Haus, Darmstadt
1900-1901
Wohnhaus für Ludwig Habich, Darmstadt
1900-1901
Ernst-Ludwig-Haus auf der Mathildenhöhe, Darmstadt
1901
Wohnhaus für Albert Hochstrasser, Kronberg im Taunus
1901
Ausstellungsgebäude für Flächenkunst auf der Mathildenhöhe, Darmstadt
(nicht
erhalten)
1902
Prinzessinnenhaus im Park des Jagdschlosses Wolfsgarten
1902
Wohnhaus für Carl Kuntze, Berlin-Steglitz
1903
Fassade des Hauses Edmund Olbrich, Troppau
1907
Oberhessisches Haus, Darmstadt (verändert)
1907
Wohnhaus für Hugo Kruska (1. Teil), Köln
1907-1908
Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe, Darmstadt
1907-1909
Warenhaus der Leonhard Tietz AG (heute Kaufhof), Düsseldorf
(innen
stark verändert)
1908
Arbeiterhaus Opel (Musterhaus) auf der Mathildenhöhe, Darmstadt
(nicht
erhalten)
1908 Villa
für Joseph Feinhals, Köln-Marienburg (kriegszerstört)
1908 Wohnhaus
für Walther Banzhaf, Köln
1907
Wohnhaus für Hugo Kruska (2. Teil), Köln
1908
Warenhaus für die Theodor Althoff AG, Gladbeck
1908
Wohnhaus für Max Clarenbach, Düsseldorf-Wittlaer (erheblich verändert)
LEBENSSTATIONEN
Joseph
Maria Olbrich (* 22. Dezember 1867 in Troppau; † 8. August 1908 in Düsseldorf)
Elternhaus
Olbrich
wurde als drittes Kind der Eheleute Edmund und Aloisia Olbrich geboren. Er
hatte zwei Schwestern, die vor seiner Geburt gestorben waren, sowie die
jüngeren Brüder Johann und Edmund. Sein Vater war ein wohlhabender
Konditormeister und Wachshersteller und besaß unter anderem eine Ziegelei,
wodurch Olbrichs Interesse am Baugewerbe schon früh geweckt wurde.
Ausbildung
Olbrich
besuchte zunächst das Gymnasium in Troppau, welches er jedoch vorzeitig verließ,
um bei einem Bauunternehmer als Zeichner zu arbeiten. 1882 ging er nach Wien,
um in die Architekturklasse der Wiener Staatsgewerbeschule einzutreten. Seine Lehrer
waren unter anderem Julius Deininger (Vater des Otto Wagner Schülers Wunibald Deininger)
und Camillo Sitte. 1886 machte Olbrich sein Abschlussexamen mit der Note
„vorzüglich“ Anschließend kehrte er kurzzeitig nach Troppau zurück, um dort
für eine Baufirma als Zeichner zu arbeiten. Ab 1890 studierte er an der
Akademie der bildenden Künste in Wien als Schüler von Karl Freiherr von
Hasenauer und gewann mit seinen Entwürfen mehrere Preise, wie den Pein-Preis,
den Hofpreis 1. Klasse und den Rom-Preis der Akademie. 1893 trat er in das Büro
von Otto Wagner ein. Die meisten Detailpläne für die Gebäude der Wiener
Stadtbahn dürften von Olbrich stammen, doch ist dies nicht restlos gesichert. Wagner
schätzte ihn sehr, er erwog sogar eine Ehe seiner Tochter mit Olbrich.
Das
Secessionsgebäude
1896
entstand wegen der Unzufriedenheit mehrerer Künstler unter der Führung von Gustav
Klimt die Wiener Secession als Abspaltung des Wiener Künstlerhauses. Da die
Gruppe ein eigenes Ausstellungsgebäude benötigte, erhielt Olbrich seinen ersten
großen Auftrag und baute 1897 das Secessionsgebäude. In der Folge baute er auch
mehrere Wohnhäuser in Wien und Umgebung, unter anderem das Haus für Hermann Bahr.
Deutschland
Großherzog
Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein (Hessen-Darmstadt) besuchte häufig Wien
und war sehr an moderner Kunst interessiert. Auf seine Veranlassung entstand daher
1899 in Darmstadt die Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Zu diesem
Zweck holte er Olbrich nach Darmstadt, der schnell zum inoffiziellen Führer der
Künstlerkolonie wurde und auch das höchste Gehalt bezog. Am 4. April 1900 bekam
er vom Großherzog den Professorentitel verliehen und wurde hessischer Bürger.
Olbrich war damals der einzige Architekt in der Künstlergruppe, denn Peter
Behrens betätigte sich ursprünglich nur als Maler und Graphiker. Weniger gut
kam Olbrich mit dem Verleger Alexander Koch aus, der ihn in seinen für die
Kolonie wichtigen Zeitschriften Innendekoration und Deutsche Kunst und
Dekoration nur selten erwähnte. 1903 heiratete Olbrich in Wiesbaden Claire
Morawe, die geschiedene Frau des Schriftstellers Christian Ferdinand Morawe.
Die
Künstlerkolonie wurde zum Experimentierfeld für Olbrich, wo er auch das Hauptgebäude,
das Ernst-Ludwig-Haus, baute. Daneben entstanden diverse Wohn-häuser und
provisorische Bauten für die Ausstellungen. Ferner entwarf er Keramikgeschirr
für die Künstlerkolonie, die in der Waechtersbacher Keramik produziert wurden,
Möbelstücke für Darmstädter Möbelfirmen und Musikinstrumente, wie den Mand-Olbrich-Flügel.
Länger als manch anderes Mitglied blieb Olbrich der Kolonie treu. Seine
Beiträge zur Louisiana-Ausstellung in St. Louis machten einen so großen
Eindruck, dass er – wahrscheinlich auf Veranlassung von Frank Lloyd Wright –
korrespondierendes Mitglied des American Institute of Architects wurde. 1906
erhielt er seinen letzten und größten Auftrag: das Warenhaus der Leonhard Tietz
AG (später Kaufhof AG) in Düsseldorf. Das Rheinland erschien ihm als lockendes
Betätigungsfeld, da er hier anscheinend leichter an solche großen, monumentalen
Projekte kam als in Darmstadt, wo die Künstlerkolonie außer dem Großherzog nur
wenige Auftraggeber hatte.
Kurz nach
der Geburt seiner Tochter Marianne am 19. Juli 1908 starb Olbrich – nur 40
Jahre alt – am 8. August in Düsseldorf an Leukämie. Vier Tage später wurde er
in Darmstadt auf dem alten Friedhof beerdigt.
1924 wurde
die Olbrichgasse in Wien-Meidling und in den 1960er Jahren die Joseph- Maria-Olbrich-Straße
in Düsseldorf-Garath nach dem Architekten benannt.
Joseph Maria Olbrich Wiener Secession, 1897/98
Joseph Maria Olbrich Ausstellungshaus der Wiener Secession Perspektive 1897 Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek