Egon Schiele, Selbstbildnis mit Lampionfrüchten, 1912 © Leopold Museum, Wien, Inv. 454

Egon Schiele, Selbstbildnis mit Lampionfrüchten

Der 22-jährige Egon Schiele fixiert uns in seiner wohl bekanntesten Selbstdarstellung selbstbewusst und fragil zugleich. Nichts in dieser ausgewogenen Komposition ist dem Zufall überlassen, jede Linie findet ihre Fortsetzung oder ein mit ihr korrespondierendes Gegenstück: Haare und Körper sind einander spiegelnd von den Bildrändern beschnitten, eine Schulter ist hochgezogen, die andere gesenkt, die dünnen Ästchen tragen kräftig rot gefärbte Lampionsfrüchte, die in Wirklichkeit wahrscheinlich eher Laternenblumen sind.

1912 war ein überaus produktives Jahr für Egon Schiele, in dem er seine expressionistische Malweise etwas beruhigte und ruhiger und realitätsnäher wurde. Diese intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Leben und auch der Gesellschaft seiner Zeit wurde im April 1912 jäh unterbrochen. Der mit seiner Freundin Wally in Neulengbach wohnende Schiele wurde fälschlich der Entführung einer Minderjährigen bezichtigt und in Untersuchungshaft genommen. Obwohl die Anklage bald fallengelassen wurde, war Schiele in seiner Kreativität und seinem Selbstverständnis als Künstler zutiefst verletzt worden. Davon sieht man im „Selbstbildnis mit Lampionsfrüchten“ noch nichts, es zeigt den sensiblen, von seiner Begabung überzeugten Egon Schiele wahrscheinlich am Höhepunkt seines Schaffens.

Zurück zur Übersicht

Teilen und verbreiten

  • Share on WhatsApp
  • Share on Tumblr
  • Teilen per E-Mail