Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1904/05 © Leopold Museum, Wien, Inv. 637

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt

Das ,,Selbstbildnis vor blauem Hintergrund“ aus dem Jahre 1904/05 gehört zu den wohl ungewöhnlichsten Werken österreichischer Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Man sieht die Figur frontal vor dem tiefen Blau des Hintergrundes. Um den Oberkörper des Malers ist das Blau auffallend zu einer Aura aufgehellt. Sein Oberkörper ist nackt, um die Hüfte trägt er ein weißes Lendentuch. Der Künstler stellt sich nicht, wie traditioneller Weise üblich, als Maler in seinem Atelier dar, sondern erhebt sich zu einer nahezu messiasgleichen Figur. Kunst als Religionsersatz ist allgemein ein zu beobachtendes Phänomen der modernen Kunst, in welcher der Künstler als Schöpfer einer eigenständigen Welt gesehen werden kann.

Der abstrakten Farbbehandlung des Hintergrundes steht die realistische Wiedergabe des Gesichtes kontrastierend gegenüber. Der starre Blick des Malers trifft sich mit den Augen des Betrachters. Zugleich scheint er aber durch den Betrachter hindurchzugehen und sich esoterisch in der Ferne zu verlieren.

Die klar voneinander abgegrenzten Farbflächen und die symmetrische Anordnung der Bildkomposition spiegeln in formaler Hinsicht die Flächenkunst der Jahrhundertwende wieder. Das Unwirkliche der Erscheinung jedoch, das durch die transparente Farbgestaltung und die Andeutung der Aura hervorgehoben wird, macht das Bild zu einer symbolistischen Arbeit.

Gerstls leidenschaftliche und unglücklich endende Liebe zu der verheirateten Mathilde Schönberg steht ihm zum Zeitpunkt dieses Selbstbildnisses noch bevor. Bis zu seinem Selbstmord vergehen noch drei Lebensjahre, in denen er leidenschaftlich seine persönliche Form der Moderne suchen, mit der eigenen Sexualität ringen und am Ende verlieren wird.

 


Das Leopold Museum bietet seinen BesucherInnen überdies ein reiches Angebot an verschiedensten Sonderausstellungen, die nicht selten auf mehrere Etagen des Hauses aufgeteilt sind. Dadurch ist es aus Platzgründen nicht möglich, den reichhaltigen Bestand der Leopold Museum-Privatstiftung in seinem ganzen Umfang im Leopold Museum dauerhaft zu präsentieren. Da das Museum zudem einen regen Leihverkehr mit anderen Museen und Sammlungen betreibt, kommt es immer wieder auch zu kurzfristigen Veränderungen in der Sammlungspräsentation. Wir bitten dafür um Verständnis.

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