Egon Schiele, Entschwebung ("Die Blinden ll"), 1915 © Leopold Museum, Wien, Inv. 467

Egon Schiele, Entschwebung ("Die Blinden II")

Ähnlich wie in seinem Bild „Selbstseher“ aus dem Jahr 1911 meditiert Egon Schiele hier in einem DoppelselbstPorträt über dem großen Geheimnis des Sterbens. Er zeigt hier genau die Schnittstelle zwischen Tod und Leben, das Sterben an sich, ohne auch nur zu versuchen, eine Antwort auf die Frage nach dem Nachher zu geben.

Das visionäre Bildthema zeigt einen Menschen vor einer stilisierten Landschaft, in zwei Stadien des Entschwebens. Während die untere Figur noch mit ihren Füßen den Boden berührt, hat die obere den Kontakt zum Irdischen bereits verloren. Die weit aufgerissenen Augen des noch Lebendigen sind nun ermüdet, die Lider nur mehr halb geöffnet, die Gesichtsfarbe ist grünlich, die Fingerspitzen berühren einander in einer losen Gebetshaltung. Mimik und Gestik der unteren Figur lassen hingegen noch einen Hauch von Leben vermuten, geradezu erschrocken blickt sie aus der Bildmitte heraus.

Das Bild thematisiert das Loslösen des Menschen aus der Sphäre der irdischen Befindlichkeit, führt die Vergänglichkeit des Menschlichen mitleidlos vor Augen und wirft die Frage nach dem großen Geheimnis der anderen Seite auf. Im eigentlichen Moment des Sterbens ist jedoch noch nichts entschieden, noch sind alle Weltanschauungen von Atheismus über Jenseitsglauben bis zur Wiedergeburt möglich. Übrig bleibt eine melancholisch wirkende Ackerlandschaft mit verschiedenen Blumen, die trotz ihrer Farbigkeit die Szenerie nicht aufzuheitern vermögen.

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