Egon Schiele, Versinkende Sonne, 1913 © Leopold Museum, Wien, Inv. 625

Egon Schiele, Versinkende Sonne

„Was sagen Sie zu dem Sonnenuntergang?“ Auf diese Frage des Kunstkritikers und Schiele-Vertrauten Arthur Roessler antwortete der damals noch junge Medizinstudent Rudolf Leopold: „Sie nennen das Bild nur einen Sonnenuntergang [...] Vor diesem Werk aber müsste man mit aller Schwermut sagen, Die Sonne versinkt. Vorne ist es schon dunkel und kalt geworden, und jedes Blatt auf den Zweigen ist vor Kälte erstarrt. Vor einem so tief melancholischen Himmel, den kein Künstler vor Schiele so malte, kommt in mir sogar die Frage auf: Kehrt diese eben scheidende Sonne je wieder?“Wie sich später herausstellte, war diese von Rudolf Leopold spontan beschriebene Stimmung von Egon Schiele selbst als Bildtitel gewählt worden: auf der Rückseite hatte der Künstler "Versinkende Sonne" geschrieben.

In diesem Gemälde von 1913 verarbeitete Schiele Motive und Eindrücke einer Reise nach Triest. Hinter zwei jungen Kastanienbäumen, die in einer kargen und hügeligen Karstlandschaft wacker nach oben wachsen, sieht man das Meer, in welchem am Horizont zwei Inseln herausragen. Dahinter versinkt die Sonne und kann deshalb unmöglich die Vorderseiten der Inseln anstrahlen, welche im Schlagschatten eigentlich schwarz sein müssten. Schiele malte die Inseln jedoch strahlend wie durchleuchtete Kristalle, um sie mit Himmel und Meer zu einer farbigen Einheit zusammenzufassen. Es waren aber wahrscheinlich nicht nur formale Gründe, die Schiele dazu bewogen, die Realität aufzuheben: wie in seinen existentiellen Menschenbildern möchte er auch in den Landschaften nicht zeigen, was er sieht, sondern ausdrücken, was er fühlt. Seine Naturdarstellungen sind genauso emotional wie die SelbstPorträts, werfen Fragen auf und lassen erkennen, dass das Wichtigste nur gefühlt und nicht gesehen werden kann.

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