Egon Schiele, Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 © Leopold Museum, Wien, Inv. 465

Egon Schiele, Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung)

Der nur 20-jährige Egon Schiele zeigt sich hier schon als ein beeindruckend vollständig entwickelter Künstler, der in diesem Selbstakt eine äußerst beklemmende, gleichzeitig aber wohldurchdachte und ausgewogene Komposition schuf, die in ihrem dramatischen Ausdruck später kaum mehr überboten wurde.

Der gelb-grüne Körper verrenkt sich unnatürlich und wirkt dadurch in sich selbst eingesperrt. Tatsächlich scheint es für die Figur keine Möglichkeit zu geben, mit ihrer Umwelt in Kontakt treten zu können, da es im Bild gar keine gibt: mutig setzt der junge Schiele sich selbst auf die leere, weiße Leinwand. Eine derartig radikale Reduktion des Hintergrundes gab es in der Kunstgeschichte zuvor kaum. Die Figur ist ganz auf sich allein gestellt, hat keine Möglichkeit zu kommunizieren, selbst wenn sie wollte, könnte sie nie in der Gesellschaft Fuß fassen, da sie nicht einmal Füße hat. In ihr drinnen lodert aber die ganze Leidenschaft einer Existenz. Wie Lava glüht es aus den Körperöffnungen Augen, Brust und Nabel hervor, es kommen einem die Worte Franz Kafkas in den Sinn:

"Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle."
(Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollak, 8. November 1903)

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