BiF Wilhelm Lehmbruck © Leopold Museum, Wien

Wilhelm Lehmbruck

1881–1919

Kniende, 1911
Bronze, anthrazitfarbig patiniert, 174,5 x 67,7 x 140 cm
Nachlass W. Lehmbruck

Nach seinem „suchenden“, stilpluralistischen Frühwerk, welches in der Tradition von Akademismus, Wilhelminismus und Neoklassizismus wurzelt, findet Wilhelm Lehmbruck in den Jahren um 1910 in seinen Figuren zu einem neuen plastischen Ausdruck und zu einem spirituellen Menschenbild. Innerlichkeit und Empfindsamkeit sprechen aus der sensiblen Körperlichkeit und der später sich zunehmend steigernden expressiven Gebärdensprache seiner Skulpturen. Damit wird Lehmbruck zu einem wichtigen Erneuerer der europäischen Bildhauerkunst.

Der stilistisch wegweisende Umbruch im Werk von Lehmbruck tritt in radikaler Form in der Plastik Kniende des Jahres 1911 zutage, welche von Theodor Däubler in seinem Buch Der neue Standpunkt (1916) als „Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“ gefeiert wurde. Meier-Graefe, vermutlich einer der Ersten, der das folgenreiche Werk zu sehen bekam, erinnert sich: „Eines Tages waren alle Frauenbüsten, Frauentorsos mit antikem Einschlag beiseite geräumt und in der Mitte des Ateliers stand eine überlebensgroße halb kniende Frauengestalt, die nicht aufhörte. Sie widersprach allem Maréesschen Geiste und erst recht der Geschlossenheit Maillols. Im ersten Augenblick glich sie einer gigantischen Gliederpuppe.“ Zwar war die Figur bei ihren ersten Präsentationen in Paris 1911 und in Köln 1912 zunächst umstritten. Doch galt sie spätestens seit der Ausstellung in der New Yorker Armory Show als zentrale Plastik des Expressionismus.

Als wichtige Inspirationsquelle für die Kniende sind die Figuren des belgischen Bildhauers George Minne zu nennen, die in der eigenwilligen Dehnung ihrer Gestalt ein inneres Sehnen, ein Sichemporwinden in geistige Dimensionen ausdrücken. Vergleichbare Bestrebungen Lehmbrucks lassen sich auch aus den als „gotisch“ apostrophierten Überlängerungen der Proportionen der Knienden ableiten. Der Reichtum an expressiven Gesten und graziler Gebärde ist äußerst komplex, sodass sich unterschiedliche Interpretationen zwischen Keuschheit und Demut, Innigkeit und Zartheit, Würde und Spiritualität ergeben. Des Weiteren kann als Besonderheit dieser Skulptur hervorgehoben werden, dass sich Lehmbruck in deren Gestaltung auch der Einbeziehung und Aktivierung des Raumes als gestalterische Mittel bediente.

Dieser Text wurde von Hans-Peter Wipplinger, Direktor Leopold Museum, Wien, verfasst.
 

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