BiF Picasso © Pablo Picasso | Frau mit gefalteten Händen | 1907 | Prêt du Musée national Picasso, Paris | Foto: RMN-Grand Palais (Musée Picasso, Paris)/René-Gabriel Ojéda © Succession Picasso/Bildrecht, Wien, 2016

Pablo Picasso

1881–1973

Frau mit gefalteten Händen, 1907
Öl auf Leinwand, 90,5 x 71,5 cm
Prêt du Musée national Picasso – Paris

Im Herbst 1906 fand im Pariser Salon Gertrude Steins eine Soiree statt, bei der Henri Matisse dem fünfundzwanzigjährigen Pablo Picasso eine afrikanische Maske zeigte. Angeblich zog das fremdartige Objekt den Spanier dermaßen in seinen Bann, dass er sich für den Rest des Abends nicht mehr davon trennen wollte. Eine weitere afrikanische Initiation – und somit eine weitere wichtige Episode in der Gründungslegende des modernistischen Primitivismus – erfolgte im Frühling des Folgejahres: Mehr oder minder zufällig gelangte der Maler in die afrikanische Abteilung des Völkerkundemuseums Trocadéro, damals eine verstaubte, unangenehm riechende Ansammlung von Kolonialtrophäen. Er wollte gehen, aber er blieb, so Picasso in einem späteren Gespräch mit André Malraux. Denn er habe an diesem seltsamen Ort begriffen, dass gerade Masken und Figuren, die in den Traditionsgesellschaften Afrikas zur Vertreibung von Dämonen dienten, zum Movens seiner eigenen, durch und durch rebellischen Bildpoetik werden könnten. Nach der Fertigstellung von Les Demoiselles d’Avignon im Juli 1907 begann Picasso schließlich selbst, Africana zu sammeln.

Die Melancholie der Blauen und Rosa Periode saß in den Bildern aus der ersten Hälfte des Jahres 1907 noch tief – auch und vor allem in den ovalen Antlitzen, die Picasso unter dem Eindruck der steinernen iberischen Köpfe aus dem fünften bis dritten vorchristlichen Jahrhundert malte. Den epochemachenden Übergang von „iberisch“ zu „afrikanisch“, der in diesen Monaten erfolgte, belegt die monochrom gehaltene Frau mit gefalteten Händen. Man möge vorerst einen Blick auf ihr Gesicht werfen, oder präziser: auf die Kalligrafie der Augenbrauen und des Nasenrückens; ein am Akademismus des 19. Jahrhunderts geschulter Betrachter hätte sich eventuell noch darauf beschränkt, ihre schlichte Anmut zu belächeln. Die aus den Fugen geratene Anatomie muss hingegen einem nie dagewesenen, geradezu anarchistischen Affront gleichgekommen sein. In seiner Überwindung gängiger Konventionen ging dabei Picasso entschieden weiter, wurde doch der Verzicht auf Schattierungen im Zusammenspiel mit sichtbar belassenen Hilfslinien zur Manifestation eines usurpatorischen Aktes; dieser bestand darin, dass die Zeichnung zur Malerei erhoben wurde. Man beachte anschließend den hell übermalten Pflanzenwuchs sowie die Rückenakte (wohlgemerkt Studien), die im Bildhintergrund dem Betrachter ihre phallischen Gesäßformen entgegenstrecken, sowie das unschöne, gestisch aufgetragene Siena am linken Unterarm. Eher Palimpsestwand als Gemälde, bildet Frau mit gefalteten Händen ein erstrangiges Dokument nicht enden wollender Entdeckungsprozesse in der galoppierenden Moderne.

Dieser Text wurde von Ivan Ristić, Kurator der Ausstellung, verfasst.

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