Sitzender Männerakt, Egon Schiele, 1910 © Leopold Museum Wien

Egon Schiele

1890–1918

Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910
Öl, Deckfarbe auf Leinwand, 152,5 x 150 cm
Leopold Museum Wien, Inv. 465

Von den vier großen, auf Leinwand gemalten Akten entstanden die hier abgebildete sitzende und die stehende männliche Version, für die Schiele sein eigenes Modell war, wahrscheinlich etwas später als die zwei anderen. Bei ihnen wirkt das Spitze und Eckige im Verlauf der Konturen zum Teil noch recht outriert; es kommt noch von Früherem, beispielsweise der im Pflaumenbaum mit Fuchsien geübten Darstellungsart, her. Im Umriss des hier reproduzierten Aktes gehen die Vorsprünge und Einkerbungen viel notwendiger aus dem Wesen dieser Figuren hervor, bilden markante Punkte im spannungsvollen und energisch geführten Konturverlauf aus Geraden und Bögen. Er ist nicht Selbstzweck – wie oftmals in den Jahren 1917 und 1918. Vielmehr sind es von den entsprechenden Körperteilen gewonnene Abstraktionen, die mit genau überlegter formaler Kon­sequenz eingesetzt werden. Der konstruktiven Gesamtwirkung ist die Binnengliederung in scharf abgesetzte Zonen untergeordnet (wodurch die Figur vielfach einen holzschnitt­artigen Charakter erhält).

In der großartig ausgewogenen Komposition gehen die ge­grätschten Beine von einem schräg rechts aufwärts ziehenden Körperpfahl aus; der Kopf nimmt um des bildnerischen Gleichgewichts willen die Gegenrichtung ein. Der Geschlossenheit und Einheitlichkeit der Figur zuliebe sind die Füße sowie jede Andeutung einer Sitzgelegenheit weggelassen; letzteres auch, um das Autonome der Figur zu garantieren.

Die Farben des Inkarnats wirken wie denaturiert, bestehen in der Hauptsache aus helleren und dunkleren Valeurs von grünlichem Gelb, dem am Brustkorb Orange und an den Beinen stellenweise Rotbraun hinzugefügt sind. Dazu treten das dunkle, gebrochene Blauschwarz der Haare und mehrere Rot­akzente: Auge, Brustwarzen, Nabel, Genitale. Das alles kontrastiert mit dem Gelblichen des Inkarnats. Dieses zeigt nach oben und unten hin dunkle Tönungen, die den helleren Mittelteil umschließen. Die im Gesamten fahle Farbstimmung und die eckig hervorspringenden Knochen suggerieren Auszehrung und Verfall. Gleichzeitig lassen diese Farbtönungen auch den Bau der Figur sichtbar werden. Die weiße Aureole ist nur stellenweise deutlich zu erkennen; wesentlicher ist der helle Hintergrund im Ganzen, der zur dunkleren Figur den notwendigen Kontrast bilden soll. Während Schiele das Ausmaß der leer gelassenen Teile eines Blattes häufig nicht von vornherein festlegt, wird hier (wie in den drei anderen Leinwandakten und Bildnissen dieses Jahres) die in sich gefestigte Figur mit großer Klarheit in die weiße Fläche gesetzt: Ihre verschieden großen Abstände zu den Bildrändern hin erscheinen präzis bestimmt.

In ihrer Art ist diese Komposition einer Figur, auch ihr dramatischer Ausdruck, von Schiele nicht mehr überboten, nur mehr im Farbigen bereichert worden. Ausdruckshaftes und Konstruktives sind zu einer überzeugenden Einheit geworden. 
 

Dieser Text wurde von Birgit Summerauer, Kuratorin und Leiterin des Egon Schiele Dokumentationszentrums, verfasst.

Das Original finden Sie im Leopold Museum in der Ausstellung "Egon Schiele".

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