Spitzweg, "Der arme Poet", 1837 © Privatbesitz, Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg/Monika Runge

Carl Spitzweg

1808–1885

Der arme Poet | 1838
Öl auf Leinwand
37,9 × 45 cm

Der arme Poet ist zweifellos das bekannteste Sujet von Spitzweg. Dieses 1838 entstandene Ölgemälde – das neben zwei Studien in der Ausstellung vertreten ist – zählt zum Frühwerk des Künstlers, der erst vier Jahre zuvor den Schritt vom akademisch ausgebildeten Apotheker zum freischaffenden Künstler gewagt hatte. Auch wenn Spitzwegs Darstellung heute als Inbegriff des romantischen Künstlers gilt, so konnte er mit dem wenig idealisierenden Bild bei dessen Erstpräsentation 1839 im Münchner Kunstverein keine Kritiker überzeugen.

Spitzwegs armer Poet liegt auf einigen Matratzen in der Ecke einer karg eingerichteten Dachkammer. Das Interieur lässt auf Armut schließen, ein Regenschirm soll den Poeten vor einbrechendem Wasser schützen. Der Kälte trotzt er, indem er sich in seine Laken hüllt oder seine eigenen Schriften verbrennt. Anstelle eines hehren Künstlergenies präsentierte Spitzweg die Figur eines Bohémien: antibürgerlich, arm, aber inspiriert. Zwei gegensätzliche Momente zeichnen das Werk aus: Einerseits besagt es, dass ein Künstler, dessen Tätigkeit gemeinhin als müßiggängerisch angesehen wird, ein unbeschwertes, von gesellschaftlichen Normen und Konventionen unabhängiges, ja fast trotziges Dachstubendasein führt; andererseits vermittelt die dargestellte Szenerie etwas Beklemmendes, da sie Armut und damit Existenzgefährdung repräsentiert.

So erheiternd das Motiv zunächst wirken mag, so sehr ist es auch eine sozialkritische Äußerung über die prekäre Situation des Künstlerdaseins. In dieser Ambivalenz der Erzählung liegt, wie so oft, der Reiz der Spitzweg’schen Darstellung. Auch an der Ikonografie der Zipfelmütze des „armen Poeten“ lässt sich diese Mehrdeutigkeit erkennen: Während der Französischen Revolution wurde die sogenannte Jakobiner- bzw. Freiheitsmütze als Symbol für den republikanischen Widerstand verwendet. Da es sich dabei allerdings um eine profane Schlafmütze handelte, die in der Bevölkerung breiten Gebrauch fand, konnte sie als Zeichen subversiver Gesinnung nicht verboten werden.

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