BiF Farbenrausch: ERNST LUDWIG KIRCHNER, Künstlergruppe (Unterhaltung der Künstler), 1913 © Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen

Ernst Ludwig Kirchner

1880‒1938

Künstlergruppe (Unterhaltung der Künstler), 1913 (vom Künstler auf 1912 vordatiert)
Öl auf Leinwand, 95 x 95,5 cm
Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen

Der erste Blick suggeriert eine Momentaufnahme aus dem Leben der Bohème. Ort des Geschehens: Berlin am Vorabend des Großen Krieges. Ernst Ludwig Kirchner hat dem verhältnismäßig provinziellen Dresden den Rücken gekehrt und lebt hier seit Herbst 1911. Er malt schnell und verzerrt, die überbetonten Umrisslinien sind Kardiogramme seiner Ruhelosigkeit. Die Farbe ist reine Emotionssache und sie wird es auch in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten bleiben. „Man kann die Gesetze aus dem fertigen Werk ablesen, aber nie kann man auf Gesetzen und Vorwurf ein Werk aufbauen“, schreibt der Kunstrebell.

Die Bande zwischen Kirchner und seinen Mitstreitern aus der Künstlergemeinschaft ‚Brücke‘ sind schon seit einiger Zeit nicht mehr so fest wie einst in Dresden. Vielmehr geht in der Großstadt Berlin jeder seinen eigenen Weg. Kirchner hat seine spätere Lebensgefährtin Erna Schilling und ihre Schwester Gerda kennengelernt. Ihre „schönen architektonisch aufgebauten, strengförmigen Körper“ versetzen ihn in Entzücken. Nicht minder bedeutend ist freilich der geistige Austausch; Kirchner ist etwa mit dem Arzt Alfred Döblin befreundet, dem späteren Verfasser des Jahrhundertromans Berlin Alexanderplatz.

Man hat sich viel zu sagen, doch es braucht passende Orte. In Kirchners Fall sind es eben die Ateliers, zuerst in Berlin-Wilmersdorf, Durlacher Straße 14, dann ab Oktober 1913 in Berlin-Friedenau, Körnerstraße 45. Afrikanische Hocker und selbstentworfene Vorhänge bestimmen das Bild dieser exotischen Boudoirs mitten in der Hauptstadt des Wilhelminischen Reichs. Der Raum ist eng und man kommt sich gerne nah – ob in heftigem Disput oder in tiefer Verbundenheit. Der lusttötende bürgerliche Anstand ist hier nicht zu Hause. Will sich der Betrachter im Sog dieses Bildes glauben, so braucht er nur etwas länger in die tiefdunklen Augen der beiden Frauen zu blicken. Im blauen Hintergrund ist es wiederum der quirlige Tanz der gestickten Figuren, der die Überlegung aufkommen lässt, hier sei die ewige Jugend am Werk.

Dieser Text wurde von Ivan Ristić, Co-Kurator der Ausstellung, verfasst.

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