Pilotenspiel: Junge mit Kopfhörern aus Draht © Leopold Museum

  • Auto aus Blech, Benin © Leopold Museum
  • Jungen mit ihren Holzrollern, Ruanda © Leopold Museum
  • Planwagen mit französischen Fremdenlegionären aus Draht, Stoff und Gummi, Ruanda © Leopold Museum
  • Sattelschlepper aus Blech mit Gummiräder, Benin © Leopold Museum
  • Segelboot aus Kürbiskalebasse, Stoff und Holz, Cuna-Indianer, Panama © Leopold Museum
  • Sylvain mit seinem Jeep, Kongo © Leopold Museum
  • Raphia © Leopold Museum
  • Übersicht © Leopold Museum

Bambus, Blech und Kalebassen

Das andere Spielzeug. Sammlung Fritz Trupp

20. November 2009 bis 03. Februar 2010

Verlängert bis 29. März 2010

„Alle Kinder haben die märchenhafte Kraft, sich in alles zu verwandeln, was immer sie sich wünschen.“
(Jean Cocteau 1889-1963)

 

SAMMLUNG FRITZ TRUPP - MEHR ALS 250 EXPONATE - EINE SPIELZEUGSAMMLUNG DER BESONDEREN ART

Eine Ausstellung der besonderen Art zeigt das Leopold Museum zur Weihnachtszeit. Die Schau „Bambus, Blech und Kalebassen. Das andere Spielzeug“ präsentiert mehr als 250 Exponate aus der Sammlung des Ethnologen Dr. Fritz Trupp. Kleine Meisterwerke von KünstlerInnen aus der „Dritten Welt“, aus Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas geben Einblick in eine Welt der Entbehrung aber auch der Kreativität.

Fritz Trupp hat beharrlich über Jahre faszinierende Objekte zusammengetragen, die hergestellt aus Alltagsmaterialien wie Blech, Plastik, Draht oder Holz - vor allem durch ihr hohes Maß an Kreativität beeindrucken. Trupp widmet die Schau all „den Kindern, die diese Kunstwerke geschaffen und damit die Ausstellung möglich gemacht haben“.


VIELFALT DER SAMMLUNG LEOPOLD - WEIT GEFASSTER KUNSTBEGRIFF

Die Sammlung des Leopold Museum umfasst neben Gemälden, Skulpturen und Kunsthandwerk österreichischer Kunstproduktion auch außereuropäische Kunst- bzw. Ritualgegenstände, vieles davon aus Afrika. Aber auch interessante historische Kuchenformen sind Bestandteil der Sammlung. Dieser weit gefasste Kunstbegriff der Sammlung Leopold macht das Leopold Museum zum idealen Ort für die aktuelle Präsentation.


DAS RECHT DES „KINDSEINS“

Die Idee des Kindseins verweist auf ein vermeintliches Recht, das nicht jedem Kind in gleichem Maße vergönnt ist, werden Kinder doch immer wieder früh mit den Schattenseiten des Lebens konfrontiert. Die UN-Kinderrechtskonvention schreibt die Rechte der Kinder fest, aber allzu oft besteht ihr Schutz lediglich auf dem Papier.


KLEINE ERWACHSENE

Obwohl wir mit dem Begriff „Kindheit“ eine unbeschwerte Zeit, weitgehend frei von gesellschaftlichen Verpflichtungen verbinden, sind in anderen Kulturen Kinder nichts anderes als kleine Erwachsene, die, sobald es irgendwie geht, ihren Beitrag zur Erhaltung der Familie leisten müssen.


KOMMERZIELLE PRODUKTION - KINDERARBEIT

Oft entwickeln Erwachsene mit Hilfe der Kreativität der Kinder kommerzielle Produktionen, so in Madagaskar und Thailand. Kinder stellen unter Anleitung der Erwachsenen massenhaft „Spielzeug“ her. So wird das Spielzeug zum Produkt eines Arbeitsvorganges, jenseits des Eigenbedarfs.


RECYCLING-KUNST

Die ausgestellten Kunstwerke kann man gewissermaßen als „Recycling-Kunst“ bezeichnen. Oftmals werden neben Holz, Bambus und Gemüse - etwa Kürbisse - auch Getränkedosen, Metalldrähte, Kronkorken, Kanister etc. als Bastelmaterial benutzt. Alle in der Ausstellung gezeigten Spielzeuge wurden von Kindern aus Alltagsmaterialien für den eigenen Bedarf hergestellt. In zahlreichen Kulturen ist es nicht üblich, speziell angefertigtes Spielzeug zu kaufen. In vielen Sprachen gibt es auch das Wort Spielzeug nicht als eigenständigen Begriff. Der Gegenstand wird einfach als Abbild des Originals gesehen. Die Kinder eifern den Erwachsenen nach. Auf allen Kontinenten basteln sich gerade Kinder aus den armen Regionen unserer Welt ihr Spielzeug selbst.


GLOBALISIERUNG

Die Globalisierung macht auch vor den entlegendsten Gebieten nicht halt, so etwa durch den Bau neuer Straßen, wie etwa des Karakorum Highway zwischen China und Pakistan. Oft sind die Marken der „Global Player“ wichtiger Bestandteil der Spielzeuge. Schriftzüge und Logos von Getränkeherstellern geben den Fahrzeugen etwa eine besondere Note. So wird zum Beispiel aus einer 7up Dose der Tank eines Öltransporters.


TRÄUME UND ÄNGSTE

Die Kreativität der Kinder scheint grenzenlos und ihr technisches Verständnis und handwerkliches Geschick bewundernswert. Jedes Fahrzeug aus Draht, Blech oder Plastik, jede Puppe, der selbst gebastelte Piloten-Kopfhörer oder das Maschinengewehr aus Holz erzählen eine Geschichte aus der Welt seines kleinen Erbauers. Das Spielzeug berichtet von seinen Träumen, seinen Wünschen, aber auch seinen Ängsten. So originell und spaßig die Spielgeräte aussehen, so ernst sind mitunter die Hintergründe, vor denen die Objekte entstanden sind, die Spielsachen lassen nicht selten traumatische Erlebnisse erahnen: Bürgerkrieg, Umweltzerstörung oder auch das oft als Gewaltakt empfundene Eindringen des Massentourismus und die damit verbundene abrupte Anbindung an eine fremde Außenwelt.


VIELFÄLTIGE MATERIALIEN - VON DRAHT BIS MAIS

Aus ästhetischer Sicht besonders interessant sind Drahtobjekte, die über ganz Afrika verbreitet sind. Das Skizzenhafte, die Konzentration auf die Silhouette erinnert an Schattenrisse. Neben Holz sind in höher gelegenen und trockenen Gebieten Afrikas auch Objekte aus Mais und Sorghumstängeln (Sorghum, eine Hirseart) anzutreffen. Die eleganten, aus Röhrchen gebastelten Gegenstände, zum Beispiel Hausmodelle, werden mit kleinen Nägeln zusammen gehalten.
Puppen dienen nicht immer nur als Spielzeug für Mädchen, sondern werden oft auch als Fruchtbarkeitssymbole oder Schutzgeister eingesetzt.
Selbstgebastelte Holzroller aus dem Kongo sind nicht nur Spiel- und Sportgerät sondern auch Transportmittel. Auf ihnen bringen die Kinder Brennholz oder geerntete Krautköpfe von den Feldern der Eltern zum Markt.
In Afrika oder Südamerika sind Kürbiskalebassen aufgrund ihrer Wasserundurchlässigkeit ein idealer Werkstoff für Modellboote.


SAMMELN UND DOKUMENTIEREN

Der Ethnologe Dr. Fritz Trupp hat die Spielobjekte in den vielen Jahren seiner Reise in Länder der „Dritten Welt“ gesammelt. Er hat sie ausführlich dokumentiert und im persönlichen Kontakt mit den Kindern erworben. Fritz Trupp reiste oft mit der gesamten Familie. Seine Kinder, die ihn auch tatkräftig bei der Vorbereitung der Ausstellung unterstützten, erlebten die Spielkulturen der Kinder fremder Länder schon ab dem Kleinkindalter hautnah mit.
„Wir kennen bei vielen Objekten die Namen und die Gesichter ihrer kleinen ErbauerInnen und sind über die Lebensumstände unterrichtet“, sagt Fritz Trupp. Die Lebensnähe der Ausstellung wird unterstützt durch eine Vielfalt an großformatigen Fotos, die den Lebensalltag der Kinder zeigt. Die Fotos wurden größtenteils von Fritz Trupp aufgenommen und zeigen die ErbauerInnen beim Spiel mit den Objekten der Ausstellung.


KREATIVITÄT ALS HILFE ZUR EXISTENZSICHERUNG

Das Leopold Museum präsentiert in seiner Schau die Spielsachen im Kontext ihrer Entstehung und lädt zum Staunen, Lachen und Nachdenken, aber auch zum aktiven Mitmachen ein. Die kleinen Meisterwerke dieser Kinder sollten uns aber auch optimistisch stimmen: das große Potenzial an Kreativität wird es ihnen in  Zukunft erleichtern, sich eine Existenz aufzubauen und zu sichern. Zudem ist die Botschaft der selbstgebastelten Spielzeuge auch für unsere Breiten von Bedeutung: als vitale Zeugnisse fremder Kulturen dienen sie dazu, das Fremde durch Kinderaugen einmal anders wahrzunehmen und eventuell vorhandene Ängste gegenüber dem Anderssein abzubauen.


„RECYCLING KREATIV!“ - KINDERPROGRAMME UND FÜHRUNGEN

Das LEO Kinderatelier greift u.a. mit dem Programm „Recycling kreativ!“ die Inhalte der Ausstellung auf. Spezialführungen für Kinder und Erwachsene bieten spannende Einblicke und Geschichten rund um die Kunst aus Kinderhänden der „Dritten Welt“. Die Kinder können durch die Schau unzählige Spiele aus fernen Ländern entdecken und selbst kreativ sein.


UNICEF, ENTWICKLUNGSHILFEKLUB - UNTERSTÜTZER DER AUSSTELLUNG

Im Vordergrund der Ausstellung, für die UNICEF Österreich dankenswerterweise die Schirmherrschaft übernommen hat, steht nicht Not und Elend der „Dritten Welt“ sondern vielmehr Fantasie, Geschicklichkeit und die positive schöpferische Kraft der Kinder, deren bestes Zeugnis die großartigen Kunstwerke der kleinen Erdenbewohner sind. Der bekannte Schauspieler Otto Tausig, der sich seit Jahren im Entwicklungshilfeklub für Entwicklungsprojekte aus aller Welt engagiert, trägt anlässlich der Ausstellungseröffnung Gedichte vor. „Nicht jammern, sondern einfach etwas tun“, lautet sein Motto, mit dem er für die Unterstützung seiner Projekte zu Wiederaufbau, Existenzsicherung und Gesundheit wirbt.


SPIELZEUG ALS MANIFESTATION VON KINDERTRÄUMEN

In den Spielzeugen begegnen wir mannigfaltigen Träumen der Kinder. Die kleinen lernen von den älteren Kindern jede Menge Basteltricks. Kinder sind den Kindern die besten Lehrer.
Ein Junge aus Ruanda träumt davon Busfahrer zu werden und aus Draht und Blech bastelt er das Fahrzeug mit beweglichen Teilen.
Ein anderer Teenager aus Ruanda hat aus Draht, Fahrradschläuchen und Stoff einen großartigen Planwagen gebastelt. Darauf sitzen Männer mit Gewehren. Die „Cowboys“ entpuppen sich bei näherer Betrachtung als französische Fremdenlegionäre. Letzten Endes haben sich die „Beschützer“ wenig später aus dem Staub gemacht. Das wollte der Junge darstellen. „Wenn die Katastrophe kommt, werden uns die Europäer im Stich lassen“, sagt er. Und so kam es wenig später, als das große Massenmorden begann.
John aus Zimbabwe zeigt stolz ein selbstgebasteltes Flugzeug. Vielleicht wird er einmal selbst ein Pilot werden. Bayang aus Borneo hat sich seine eigene Motorsäge gebastelt. Das lärmende Werkzeug eines Holzfällers hat ihn fasziniert, zur Nachahmung angeregt. Und doch ist es die Säge, die den Regenwald, die Lebensgrundlage vieler Einheimischer zerstört.


DER KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Zur Ausstellung ist ein reich bebildertes, 112 Seiten starkes Katalogbuch erschienen, erhältlich zum Preis von € 14,90 im Leopold Museum Shop.


FRITZ TRUPP - BIOGRAFIE

Dr. Fritz Trupp studierte an der Universität Wien Völkerkunde und Psychologie und hat viele Jahre in Afrika, Asien und Südamerika gelebt. Er war Forschungsprofessor an der Universidad Católica in Quito, Ecuador und Lehrbeauftragter für „Ethnodesign“ an der Kunstuniversität in Linz. Zahlreiche Reisen und Feldforschungen führten ihn in viele unzugängliche und kaum erschlossene Gebiete Afrikas und Asiens.
Die Ergebnisse dieser jahrelangen Arbeiten fanden ihren Niederschlag in Ausstellungsprojekten, verschiedenen Publikationen sowie in der Zuerkennung des „Theodor-Körner-Preises für Wissenschaft und Kunst“.
Sein Buch „Die letzten Indianer“ wurde in fünf Sprachen veröffentlicht. Seine neueste Bilddokumentation „Asien - Stämme, Kultur, Rituale“ ist 2004 auch auf Englisch unter dem Titel „Tribal Asia“ in London erschienen.

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